Die Schilder in der Seouler U-Bahn sind in einer Schrift gesetzt, die entworfen wurde und nicht über Jahrhunderte gewachsen ist. Hangul, das koreanische Alphabet, entstand im 15. Jahrhundert unter König Sejong als geschlossenes System mit wenigen Grundformen, festen Ableitungsregeln und dem Silbenblock als modularer Einheit. Unter den heute gebräuchlichen Schriften ist das eine Ausnahme. Das lateinische Alphabet, in dem deutsche Leitsysteme gesetzt werden, ist dagegen das Ergebnis einer über zweieinhalb Jahrtausende andauernden, ungeplanten Entwicklung.
Im Rahmen der Exkursion nach Seoul ist daraus die Idee zu dieser Arbeit entstanden. Sie bringt eine Schrift und ein Orientierungssystem zusammen, was zunächst ungewöhnlich wirkt. Beides sind aber Zeichensysteme mit ähnlichen Anforderungen: Sie sollen mit wenig Aufwand viel Information transportieren und von Menschen verstanden werden, die keine Zeit haben, sich einzuarbeiten. Ein gutes Leitsystem funktioniert in dieser Hinsicht wie eine gute Schrift. Aus einer überschaubaren Zahl von Regeln lassen sich viele Einzelfälle ableiten, ohne dass das Ganze auseinanderfällt.
Daraus ergibt sich die Leitfrage dieser Arbeit: Lassen sich die Konstruktionsprinzipien des Hangul auf ein deutsches Orientierungssystem übertragen, und was gewinnt oder verliert ein solches System dabei an Lesbarkeit und Konsistenz?
Die Arbeit geht dieser Frage theoretisch und praktisch nach. Im theoretischen Teil wird Hangul als Designsystem untersucht und mit Grundlagen der Orientierungsgestaltung verglichen. Im praktischen Teil ist ein Generator entstanden, eine Anwendung im Browser, die Beschilderung für eine Bahn- oder Nahverkehrsstation nach einem aus Hangul abgeleiteten Regelwerk erzeugt. Die Hausarbeit dokumentiert und reflektiert dieses Projekt.1
Wichtig ist eine Abgrenzung vorab. Übertragen wird die Konstruktionslogik des Hangul, seine Buchstabenformen spielen keine Rolle. Die naheliegende Idee, lateinische Buchstaben nach koreanischem Vorbild zu Silbenblöcken zusammenzusetzen, habe ich früh verworfen, denn ein Schild, das man erst entziffern muss, erfüllt seinen Zweck nicht. Auf den Schildern steht deshalb weiterhin eine gut lesbare lateinische Grotesk. Der Bezug zu Hangul steckt darin, wie Piktogramme, Richtungsanzeiger und Schildmodule aufgebaut und kombiniert werden.
Die Arbeit gliedert sich wie folgt. Kapitel 2 beschreibt Hangul als gestaltete Schrift: Entstehung, Konstruktion der Konsonanten und Vokale sowie den Silbenblock als Modul. Kapitel 3 führt in die Gestaltung von Orientierungssystemen ein, stellt prägende deutsche Beispiele vor, stellt das Leitsystem der Seouler Metro vor und benennt die normativen Rahmenbedingungen. Kapitel 4 entwickelt daraus die Methode der Übertragung. Kapitel 5 dokumentiert den Generator, Kapitel 6 reflektiert Ergebnisse und Grenzen, Kapitel 7 zieht ein Fazit.
Bis ins 15. Jahrhundert wurde in Korea überwiegend mit chinesischen Schriftzeichen geschrieben. Für die koreanische Sprache, die sich grammatisch und lautlich stark vom Chinesischen unterscheidet, war das ein schlecht passendes Werkzeug; Lesen und Schreiben blieben weitgehend einer gebildeten Oberschicht vorbehalten. König Sejong, der vierte Herrscher der Joseon-Dynastie, ließ deshalb eine eigene Schrift entwickeln. Sie wurde 1443 fertiggestellt und 1446 unter dem Titel Hunminjeongeum („Die richtigen Laute zur Unterweisung des Volkes“) verkündet (Lee & Ramsey, 2000; Ledyard, 1966/1998).
Für diese Arbeit ist vor allem die Überlieferung interessant. Zusammen mit der Verkündung erschien eine ausführliche Erläuterungsschrift, das Hunminjeongeum Haerye, in der Gelehrte der königlichen Akademie die Gestaltungsprinzipien der neuen Buchstaben begründen. Für kaum eine andere Schrift ist dokumentiert, nach welchen Regeln ihre Zeichen entworfen wurden. Das Haerye wurde erst 1940 wiederentdeckt und 1997 in das UNESCO-Register Memory of the World aufgenommen. Die Konstruktionsregeln des Hangul sind also kein späterer Deutungsversuch. Sie gehören zum ursprünglichen Entwurf, und darauf stützt sich diese Arbeit.
Das ursprüngliche System umfasste 28 Buchstaben, 17 Konsonanten und 11 Vokale. Vier davon sind im modernen Koreanisch außer Gebrauch, sodass heute 24 Grundbuchstaben verwendet werden (Lee & Ramsey, 2000).
Die Konsonanten des Hangul folgen einem doppelten Prinzip. Das erste ist das Abbild: Fünf Grundkonsonanten stellen schematisch die Stellung der Sprechorgane bei ihrer Artikulation dar. ㄱ (k/g) zeigt den Zungenrücken, der sich gegen den hinteren Gaumen hebt; ㄴ (n) die Zunge, die den oberen Zahndamm berührt; ㅁ (m) den Umriss des Mundes; ㅅ (s) einen Zahn; ㅇ den Kehlkopf beziehungsweise die offene Kehle (Kim-Renaud, 1997; Lee & Ramsey, 2000).
Das zweite Prinzip ist die Ableitung durch Zusatzstrich (koreanisch gahoek). Laute, die am selben Ort gebildet, aber stärker oder behaucht artikuliert werden, erhalten dieselbe Grundform plus einen oder mehrere zusätzliche Striche. So entstehen Reihen verwandter Zeichen:
| Grundform | Artikulationsort | abgeleitete Zeichen |
|---|---|---|
| ㄱ | hinterer Gaumen | ㅋ |
| ㄴ | Zahndamm | ㄷ → ㅌ |
| ㅁ | Lippen | ㅂ → ㅍ |
| ㅅ | Zähne | ㅈ → ㅊ |
| ㅇ | Kehle | (ㆆ) → ㅎ |
Einzelne Zeichen wie ㄹ (r/l) fallen aus diesem Schema heraus und werden im Haerye als abweichende Formen gesondert behandelt. Am Kernprinzip ändert das nichts: Wer die Grundform kennt, erkennt die Familie. Die Form eines Zeichens trägt Information über seine Verwandtschaft zu anderen Zeichen. Im lateinischen Alphabet gibt es nichts Vergleichbares; dass p und b verwandte Laute bezeichnen, ist ihren Formen nicht anzusehen, und die Ähnlichkeit von b, d, p und q ist historischer Zufall, keine Systematik.
Bei den Vokalen gilt eine andere Logik. Ihre Formen stammen aus der Kosmologie, die Anatomie spielt hier keine Rolle. Das Haerye führt drei Grundzeichen ein: einen Punkt für den Himmel (runde Form), eine waagerechte Linie für die Erde (flache Form) und eine senkrechte Linie für den Menschen (aufrechte Form) (Lee & Ramsey, 2000). Aus diesen drei Elementen werden alle weiteren Vokale kombiniert.
Entscheidend ist dabei, dass die Position des Punktes Bedeutung trägt. Steht er rechts der Senkrechten (ㅏ, a) oder über der Waagerechten (ㅗ, o), gilt der Vokal als „hell“ beziehungsweise im Sinne der Yin-Yang-Lehre als Yang; steht er links (ㅓ, eo) oder darunter (ㅜ, u), als „dunkel“ oder Yin. Eine Verdopplung des Punktes markiert den vorangestellten j-Laut (ㅑ, ㅕ, ㅛ, ㅠ). Im modernen Schriftbild ist der Punkt zu einem kurzen Strich geworden, das Prinzip ist erhalten geblieben.
Gestalterisch gesprochen besteht das Vokalsystem also aus drei Primitiven und einer Regel über deren Anordnung. Die Richtung, in die der kurze Strich zeigt, ist ein unterscheidendes Merkmal. Hier liegt ein Anknüpfungspunkt für die spätere Übertragung, denn Richtungsangaben sind die zentrale Informationseinheit jedes Leitsystems.
Hangul ist ein Alphabet, wird aber nicht linear Buchstabe für Buchstabe geschrieben. Die Buchstaben einer Silbe werden zu einem Block zusammengesetzt, der ungefähr die Fläche eines chinesischen Schriftzeichens einnimmt. Jeder Block besteht aus einem Anlaut (Konsonant), einem Vokal und optional einem Auslaut (Konsonant). Die Anordnung folgt festen Regeln: Senkrecht orientierte Vokale wie ㅏ oder ㅣ stehen rechts des Anlauts, waagerecht orientierte wie ㅗ oder ㅡ darunter; ein Auslaut steht immer unten (Lee & Ramsey, 2000).
Aus diesem Baukasten entstehen im Unicode-Standard 11.172 mögliche Silbenblöcke. Sie alle gehorchen denselben wenigen Regeln. Der Silbenblock ist damit ein Modul im gestalterischen Sinn: eine Einheit mit fester Außenform und definierten Slots, deren Füllung variiert. Diese Eigenschaft macht ihn für die Übertragung auf Beschilderung interessant, denn auch ein Schild besteht aus wiederkehrenden Slots (Piktogramm, Richtung, Ziel, Zusatzinformation), deren Inhalte wechseln.
Der Linguist Geoffrey Sampson (1985) hat für Hangul eine eigene Kategorie vorgeschlagen: das featural writing system, das merkmalbasierte Schriftsystem. Gemeint ist, dass die Form der Zeichen nicht nur einen Laut als Ganzes bezeichnet, sondern die phonetischen Merkmale dieses Lautes (Artikulationsort, Behauchung) sichtbar abbildet. Hangul steht damit eine Ebene unterhalb eines gewöhnlichen Alphabets, das nur ganze Laute codiert.
Für die Gestaltung lässt sich daraus eine allgemeine Lehre ziehen, die über die Linguistik hinausgeht. Ein merkmalbasiertes System hat drei Eigenschaften:
Gewachsene Alphabete wie das lateinische haben keine dieser Eigenschaften in reiner Form. Ihre Stärke liegt woanders, nämlich in der hohen Vertrautheit und der über Jahrhunderte verfeinerten Unterscheidbarkeit der Formen. Genau dieses Spannungsfeld zwischen systematischer Klarheit und eingeübter Lesbarkeit prägt auch die Gestaltung von Orientierungssystemen, wie das folgende Kapitel zeigt.
Kevin Lynch (1960) untersuchte in The Image of the City, wie Menschen sich ein mentales Bild ihrer Stadt aufbauen. Er identifizierte fünf Elemente, an denen sich dieses Bild festmacht: Wege, Grenzen, Bereiche, Knotenpunkte und Merkzeichen. Den Begriff way-finding verwendete er bereits in diesem Zusammenhang. Paul Arthur und Romedi Passini (1992) übertrugen das Konzept auf Architektur und Beschilderung und beschrieben Orientierung als Problemlösungsprozess: Menschen fassen Entscheidungen, führen sie aus und verarbeiten dabei Information aus der Umgebung. Beschilderung ist in diesem Modell eine Informationsquelle unter mehreren, neben Architektur, Licht und Sichtachsen.
Per Mollerup (2005) schlägt eine begriffliche Trennung vor, die für Gestalter nützlich ist: Wayfinding bezeichnet die Tätigkeit der Nutzer, Wayshowing die Tätigkeit derer, die Orientierung ermöglichen. Ein Leitsystem ist demnach kein Selbstzweck, sondern Hilfsmittel für eine Entscheidung, die unter Zeitdruck und oft unter Stress getroffen wird. Andreas Uebele (2006) betont für den deutschsprachigen Raum, dass Orientierungssysteme sowohl Information als auch räumliche und atmosphärische Qualität transportieren, also neben der Funktion auch den Charakter eines Ortes mitprägen.
Für diese Arbeit heißt das: Jede gestalterische Entscheidung, auch eine aus Hangul abgeleitete, muss den Menschen im Raum die Orientierung erleichtern.
Die Idee, Information durch ein geregeltes System von Bildzeichen zu vermitteln, geht wesentlich auf Otto Neurath zurück. Mit seiner Wiener Methode der Bildstatistik, später Isotype genannt, entwickelte er in den 1920er- und 1930er-Jahren gemeinsam mit dem Grafiker Gerd Arntz eine Bildsprache, deren Zeichen nach festen Regeln reduziert und kombiniert wurden (Neurath, 1936). Neurath dachte dabei schon systemisch, jedes Zeichen sollte zu einer einheitlichen Familie gehören.
Otl Aicher und Martin Krampen (1977) haben diese Denkweise in Zeichensysteme der visuellen Kommunikation theoretisch weitergeführt. Aichers Piktogramme für die Olympischen Spiele 1972 in München sind das bekannteste Beispiel eines konstruierten Zeichensystems im Design: Die Figuren wurden auf einem Raster aus orthogonalen und diagonalen Linien aufgebaut, Gliedmaßen und Gelenke folgen festen Winkeln und Strichstärken. Dass sie alle aus demselben Regelwerk entwickelt wurden, erklärt einen großen Teil ihres Erfolgs. Hier gibt es eine deutliche Parallele zum Hangul, auch wenn keine historische Verbindung besteht.
Flughafen Frankfurt (1972). Parallel zu den Olympia-Piktogrammen gestaltete Aicher das Leitsystem für den Neubau des Terminals Mitte am Frankfurter Flughafen, das im März 1972 eröffnet wurde (Internationales Design Zentrum Berlin [IDZ], 2023). Die Orientierung in der komplexen Architektur löste er vor allem über Farbe: Blau stand für alle Belange des Flugverkehrs, Grün für Dienstleistungen wie Toiletten oder Schließfächer, Weiß für Geschäfte und Gastronomie (IDZ, 2023). Das Prinzip, Informationskategorien durch ein festes Merkmal zu codieren, entspricht der Logik, mit der Hangul Lautfamilien durch gemeinsame Grundformen kennzeichnet.
Berliner Verkehrsbetriebe (1990er-Jahre). Erik Spiekermann und seine Agentur MetaDesign entwickelten in den 1990er-Jahren das Erscheinungsbild und das Informations- und Leitsystem der BVG (Berliner Verkehrsbetriebe [BVG], 2024). Das System gilt bis heute als Musterbeispiel systemischen Informationsdesigns im Nahverkehr: Schrift, Farben, Linienkennzeichnung und Schildaufbau folgen einem durchgehenden Regelwerk, das von Netzplänen bis zu Haltestellenschildern reicht.
Beiden Beispielen ist gemeinsam, dass sie als Systeme gedacht sind: Einzelne Schilder sind Anwendungen eines Regelwerks. Sie unterscheiden sich aber darin, wie viel von diesem Regelwerk in der Form der Zeichen selbst sichtbar wird. Bei Aicher ist die Konstruktion der Piktogramme erkennbar, die Beziehungen zwischen den Zeichen bleiben jedoch meist implizit. Ein Piktogramm für „Rolltreppe“ zeigt in der Regel nicht, dass es eine Erweiterung des Zeichens für „Treppe“ ist. An dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an.
Seoul bietet ein Anschauungsfeld für ein Leitsystem, das mit zwei grundverschiedenen Schriften arbeiten muss. Die Beschilderung der Metro kombiniert Hangul mit lateinischer Umschrift und Englisch, an vielen Stationen zusätzlich mit chinesischen Zeichen und Japanisch. Die Stadt hat in den vergangenen Jahren ihr Informationssystem grundlegend überarbeitet: 2023 wurde ein neuer Liniennetzplan vorgestellt, der erste umfassende Neuentwurf seit rund 40 Jahren, der unter anderem Umsteigestationen klarer kennzeichnet und die Lesbarkeit für ältere Menschen und Menschen mit Farbsehschwäche verbessern soll (Seoul Metropolitan Government, 2023). 2025 folgten die Linienpläne für die einzelnen Linien, die mit einem eigenen Satz von Piktogrammen arbeiten (Seoul Metropolitan Government, 2025).
Typografisch ist besonders aufschlussreich, dass für das neue System eine eigene Schrift entwickelt wurde, Seoul Alrim. Die koreanische Schriftgießerei Tlab und das niederländische Studio July Type haben dabei Hangul und Latein gemeinsam gestaltet, mit dem Ziel, dass beide Schriften nebeneinander harmonieren, ohne dass die lateinischen Buchstaben an Lesbarkeit verlieren (July Type, o. J.). Damit haben die Gestalter eine ähnliche Entscheidung getroffen wie diese Arbeit. Die lateinische Schrift wird an Hangul in Proportion und Charakter angepasst, bleibt aber für sich gut lesbar.
Orientierungssysteme im öffentlichen Raum in Deutschland entstehen nicht im normfreien Raum. Zwei Normen sind für das Projekt besonders relevant.
DIN 32975 regelt die Gestaltung visueller Informationen im öffentlichen Raum zur barrierefreien Nutzung (Deutsches Institut für Normung, 2009). Sie macht unter anderem Vorgaben zu Leuchtdichtekontrasten, Schriftgrößen in Abhängigkeit vom Leseabstand und zur Gestaltung von Zeichen. Ein Leitsystem, das aus gestalterischen Gründen von etablierten Konventionen abweicht, muss diese Anforderungen trotzdem erfüllen.
DIN EN ISO 7010 legt registrierte Sicherheitszeichen fest, darunter die Zeichen für Notausgang und Rettungsweg (Deutsches Institut für Normung, 2020). Diese Zeichen sind in Form und Farbe genormt, damit sie im Gefahrenfall ohne Nachdenken erkannt werden. Sie sind deshalb der Gestaltungsfreiheit entzogen. Für das vorliegende Projekt bedeutet das: Eine aus Hangul abgeleitete Variante des Notausgangs kann nur als gestalterisches Experiment gezeigt werden; in einer realen Anwendung wäre die Normform zu verwenden. Der Generator bildet diese Grenze ausdrücklich ab (vgl. Abb. 5).
Die Übertragung folgt einem einfachen Verfahren. Zunächst wurden aus der Analyse in Kapitel 2 die gestalterischen Prinzipien des Hangul isoliert, unabhängig von der koreanischen Sprache. Anschließend wurde für jedes Prinzip gefragt, welcher Bestandteil eines Leitsystems eine vergleichbare Funktion erfüllt. Das Ergebnis ist die folgende Analogietabelle, die das Regelwerk des Generators begründet:
| Prinzip im Hangul | Funktion | Übertragung auf das Leitsystem |
|---|---|---|
| Drei Vokal-Grundzeichen (Punkt, Waagerechte, Senkrechte) | Wenige Primitive als Baumaterial | Alle Piktogramme und Richtungsanzeiger werden aus Punkt, Waagerechter und Senkrechter gebaut |
| Position des Punktes (ㅏ ㅓ ㅗ ㅜ) | Unterscheidung durch Lage | Richtung wird durch die Position eines Punktes an einem Grundstrich codiert |
| Grundkonsonant + Zusatzstrich (ㄱ → ㅋ) | Verwandtschaft wird sichtbar | Verwandte Piktogramme entstehen aus einer Grundform plus Zusatzelement (Treppe → Rolltreppe) |
| Abbild der Sprechorgane | Form verweist auf Ursprung | Grundformen verweisen auf das Bezeichnete (Zug, Weg, Person) |
| Silbenblock (Anlaut, Vokal, Auslaut) | Modul mit festen Slots | Schildmodul aus Piktogramm, Richtung, Ziel und Zusatzinformation |
| Anordnungsregel (senkrechte Vokale rechts, waagerechte unten) | Lage folgt aus Typ | Anordnung im Modul folgt aus der Art der Richtungsangabe |
Jede Übertragung wurde an drei Kriterien geprüft, die sich aus Kapitel 3 ergeben:
Wo eine Hangul-Analogie mit dem ersten Kriterium in Konflikt geriet, hatte die Lesbarkeit Vorrang. Solche Konflikte sind für die Arbeit besonders aufschlussreich und werden in Kapitel 6 ausgewertet.
Zwei naheliegende Wege wurden bewusst nicht gegangen. Erstens die Übertragung der Silbenblock-Struktur auf die lateinische Schrift selbst, also das Zusammensetzen deutscher Wörter zu Buchstabenblöcken. Das wäre formal die direkteste Übertragung, würde aber die über Jahrhunderte eingeübte lineare Lesegewohnheit brechen und damit genau die Eigenschaft zerstören, auf die ein Leitsystem angewiesen ist. Zweitens die Transkription deutscher Ortsnamen in koreanische Buchstaben. Sie hätte einen exotisierenden, aber keinen funktionalen Effekt. In beiden Fällen wäre Hangul nur ein Stil gewesen. In dieser Arbeit dient es als Methode.
Der Generator ist eine browserbasierte Anwendung, die ohne Installation und ohne Internetverbindung durch Öffnen einer HTML-Datei läuft. Die Piktogramme werden im Code aus den Primitiven erzeugt, es gibt keine einzeln gezeichneten Grafiken. Alle Maße und Farben stehen an einer einzigen Stelle, einer Konfigurationsdatei, die im Projekt als „Regelwerk an einem Ort“ dient. Dadurch ist das Regelwerk auch ausführbar und steht nicht nur auf dem Papier. Wird ein Grundmaß geändert, ändert sich das gesamte System konsistent, so wie eine Änderung der Grundform ㄱ alle von ihr abgeleiteten Zeichen beträfe. Das vollständige Regelwerk mit 36 nummerierten Regeln findet sich im Anhang.
Die technische Umsetzung des Generators erfolgte mit dem KI-gestützten Programmierwerkzeug Claude Code (Anthropic, 2026b) auf Grundlage meiner Vorgaben. Konzept, Übertragungsmethode und Regelwerk, die gestalterischen Entscheidungen sowie die Sichtprüfung und Auswahl der Piktogramme lagen bei mir; das Werkzeug setzte diese Vorgaben in Programmcode um, prüfte ihn automatisch und dokumentierte den Entscheidungsverlauf. Die in diesem Kapitel beschriebenen Entscheidungen, einschließlich der verworfenen Varianten, gehen auf diesen dokumentierten Arbeitsprozess zurück.
Die Oberfläche erlaubt die Eingabe eines Ziels, die Wahl eines Piktogramms, einer Richtung und einer Zusatzinformation wie einer Gleis- oder Liniennummer (Abb. 1). Das Schild entsteht als Live-Vorschau und lässt sich als Vektorgrafik (SVG) mit echtem, durchsuchbarem Text oder als hochaufgelöste Rastergrafik (PNG) exportieren. Mehrere Schildmodule lassen sich zu einem Wegweiserband kombinieren. Eine eigene Ansicht, die Systemtafel, zeigt das gesamte Regelwerk auf einer Seite.

Jedes Piktogramm entsteht auf einem quadratischen Grundraster von 24 × 24 Einheiten (E). Alle weiteren Maße leiten sich aus einer einzigen Basisgröße ab, der Strichstärke S = 2 E: Der Punkt hat einen Durchmesser von 4 E (= 2·S), die einzige erlaubte Rundung hat den Radius S. Zulässig sind nur die Winkel 0°, 90° und 45°. Die 45°-Schräge zählt dabei als gedrehte Waagerechte und nicht als eigene Form, so wie ㅅ aus zwei sich treffenden Schrägstrichen besteht. Eine Schutzzone hält alle Strichmitten zwischen 3 und 21 E und sichert so einen gleichmäßigen Rand, vergleichbar mit dem Setzen eines Hangul-Silbenblocks in ein festes Quadrat.
Das System kennt genau drei eigenständige Primitive: Punkt, Waagerechte und Senkrechte, analog zu den drei Vokal-Grundzeichen ㆍ, ㅡ und ㅣ (vgl. Abschnitt 2.3). Rahmen, Schräge, Linienzug und Ring sind Kompositionen daraus, keine weiteren Grundformen (Abb. 2).
Im Lauf der Arbeit kam eine Regel hinzu, die sich direkt aus einem Fehler ergab: Zwei Elemente sind entweder verbunden oder halten mindestens S Abstand, eine Zwischenstufe gibt es nicht. Anlass war eine frühe Fassung des Zug-Piktogramms, bei der die Lichter den Rahmen gerade eben berührten. Die Regel entspricht einem Prinzip des Hangul, in dem Striche entweder klar verbunden oder klar getrennt sind, nie „fast“ verbunden.
Die Piktogramme sind in sechs Familien organisiert. Jede Ableitung besteht aus genau einer Grundform plus einem benannten Zusatzelement, analog zum Zusatzstrich (gahoek) in ㄴ → ㄷ → ㅌ (Tabelle 3, Abb. 3).
| Familie | Grundform(en) | Ableitung mit Zusatzelement |
|---|---|---|
| Vertikale Bewegung | Treppe; Aufzug (eigene Wurzel) | Treppe → Rolltreppe (+ Bewegungsstrich als Handlauf, 45°) |
| Schienenverkehr | Zug; Gleis (eigene Wurzel) | Zug → Straßenbahn (+ Stromabnehmer und Oberleitung) |
| Straßenverkehr | Bus | Bus → Taxi (+ Dachschild) |
| Weg | Ausgang | Ausgang → Notausgang (+ Bewegungsstrich, 45°; nur als Experiment) |
| Service | Info | Info → Treffpunkt (+ drei radiale Striche); Info → Fahrkarten (+ Ticketform) |
| Person | Figur | Figur → WC (+ zweite Figur und Trennstrich); Figur → Barrierefrei (+ Rad) |
Drei Punkte möchte ich hervorheben. Erstens wird der 45°-Bewegungsstrich systemweit mit genau einer Bedeutung (Bewegung, Eile) eingesetzt: als Handlauf der Rolltreppe und als Zusatz beim Notausgang. Er funktioniert damit wie ein Hangul-Zusatzstrich, der einmal definiert und mehrfach verwendet wird. Zweitens zeigt die Grundform der Familie Service, wie nah das System an bestehenden Konventionen liegt: Das Info-Zeichen besteht aus Punkt über Senkrechter, also ㆍ + ㅣ. Das international verstandene „i“ ist bereits genau diese Kombination. Die Figur der Familie Person baut darauf auf und ergänzt ㅅ-förmige Beine. Drittens hat nicht jede Familie nur eine Wurzel. Der Aufzug etwa wurde nicht, wie ursprünglich geplant, von der Rolltreppe abgeleitet, weil Stufen in einer geschlossenen Kabine widersprüchlich wirken. Auch im Hangul lässt sich nicht jedes Zeichen über einen Zusatzstrich auf eine einzige Urform zurückführen.
Neben der Ableitung führt das Regelwerk eine zweite Operation ein, die Jamo-Anpassung: Sie ändert nur Proportion oder Position, nicht die Elemente einer Form. Die Straßenbahn ist gegenüber dem Zug gestaucht, die Figuren im WC-Zeichen sind verkleinert. Vorbild ist die Beobachtung, dass ㄱ in 가 und in 고 unterschiedlich proportioniert ist und doch dieselbe Form bleibt. Die Unterscheidung hält den Ableitungsbaum frei von bloßen Größenvarianten.
Die Richtung wird nach dem Vorbild der Vokale ㅏ ㅓ ㅗ ㅜ codiert: Ein Grundstrich trägt einen Punkt, dessen Position die Richtung angibt. Ein Punkt rechts der Senkrechten bedeutet rechts, links bedeutet links, oberhalb der Waagerechten bedeutet oben beziehungsweise geradeaus, unterhalb bedeutet unten. Für deutsche Leser ergibt sich sogar eine Eselsbrücke: ㅗ wird „o“ gesprochen (oben), ㅜ „u“ (unten). Die Richtungsfelder übernehmen auch die Proportionen der Vokale: Das Feld für rechts und links ist schmal und hoch (12 × 24 E) wie ㅏ und ㅓ, das Feld für oben und unten breit und flach (24 × 12 E) wie ㅗ und ㅜ.
Diese Codierung ist die direkteste Übertragung aus dem Hangul. Sie ist aber auch die riskanteste, weil jeder den Pfeil kennt. Der Generator bietet deshalb beide Varianten in identischen Feldmaßen an, auch der Pfeil ist ausschließlich aus den drei Primitiven gebaut (Abb. 4). Beim Aufzug ist die Richtungscodierung direkt Teil des Piktogramms: Ein Punkt über oder unter einem kurzen Strich in der Kabine zeigt die Fahrtrichtung.
Jedes Schild ist ein Modul mit bis zu vier Slots: Piktogramm, Richtung, Ziel und optional ein Zusatz. Piktogramm und Richtung bilden zusammen den Silbenblock, der immer 36 × 36 E groß ist, unabhängig davon, ob eine Richtung angezeigt wird. Auch eine Hangul-Silbe füllt immer denselben Block, gleich ob sie aus zwei oder vier Buchstaben besteht. Das Ziel folgt mit festem Abstand von 6 E; Ziel- und Zusatzfeld wachsen in Schritten von 12 E.
Konkret steht die Richtung auf der Seite, in die sie zeigt: Rechts steht rechts neben dem Piktogramm, wie der Vokal in 가; oben und unten stehen darunter, wie in 고 und 구. Links steht dagegen links vom Piktogramm. Hier weicht das System bewusst von der Hangul-Regel ab, nach der auch ㅓ rechts vom Anlaut stünde, wie in 거. Der Blick müsste dann erst über das Piktogramm wandern, bevor er die Richtung erreicht. Weil die Lesbarkeit nach Abschnitt 4.2 Vorrang hat, wurde die erste, streng regelkonforme Fassung verworfen (vgl. Abb. 6).
Mehrere Module lassen sich wie Silben zu einem Wort zu einem Wegweiserband reihen. Die Reihenfolge ist fest (links, oben, unten, rechts, ohne Richtung), benachbarte Module derselben Kategorie bilden eine Gruppe und werden durch einen dünnen Trennstrich gegliedert, Gruppen nur durch Abstand. Wie im Hangul stehen die Silben eines Wortes also dicht, die Wörter getrennt (Abb. 5).
S-Bahn und U-Bahn erhalten bewusst kein eigenes Piktogramm. Das grüne S im Kreis und das blaue U im Quadrat sind im deutschen Nahverkehr so etabliert, dass ein neues Zeichen die Orientierung nur erschweren würde. Sie erscheinen deshalb als Signet mit Liniennummer im Zusatz-Slot. Hier setzt sich die Konvention gegen die Systematik durch.
Vier Kategorien bestimmen die Farbgebung der Schilder: Verkehr (Dunkelblau), Wege (Anthrazit), Service (Weiß) und Sicherheit (Grün). Die Kategorie ist unabhängig von der Piktogrammfamilie und ordnet, wie Aichers Farbsystem in Frankfurt, die Informationsart zu (vgl. Abschnitt 3.3).
Die Kontraste werden im Generator rechnerisch als Michelson-Kontrast K = (L₁ − L₂) / (L₁ + L₂) aus den relativen Leuchtdichten der Farbwerte bestimmt. Das ist eine Näherung, denn DIN 32975 bezieht sich auf gemessene Leuchtdichten gefertigter Oberflächen. Die verwendeten Schwellenwerte (K ≥ 0,7 für Schrift und Bildzeichen, Entwurfsziel K ≥ 0,8) stammen aus einer Sekundärquelle und konnten nicht am Normtext selbst geprüft werden (nullbarriere.de, o. J.). Die Kategorien Verkehr, Wege und Service erreichen K = 0,94 bis 0,96. Zwei Farben bleiben bewusst unter dem Entwurfsziel: das Sicherheitsgrün (K ≈ 0,72) und das S-Bahn-Grün (K ≈ 0,70). Beide erfüllen die Schwelle von 0,7; eine weitere Abdunklung hätte sie aber sichtbar von den bekannten Farben entfernt. Auch hier hat die Wiedererkennung Vorrang.
Die Beschriftung ist in Barlow gesetzt, einer frei lizenzierten Grotesk (SIL Open Font License), die der Gestalter Jeremy Tribby nach eigener Beschreibung an kalifornischer Verkehrsbeschilderung orientiert hat. Mit der DIN 1451 der deutschen Verkehrsbeschilderung ist sie typologisch verwandt, als konstruierte, schmal laufende Beschilderungsschrift, aber nicht direkt von ihr abgeleitet. Ziele stehen im Halbfetten mit einer Versalhöhe von 12 E, Zusatzangaben im Fetten mit 14 E.
Der Generator prüft jedes Piktogramm automatisch gegen vier Regeln: Raster, Schutzzone, Mindestabstand und Konstruktion. Ein Ring mit unzulässigem Radius oder eine Schräge mit 30° bricht mit einer Fehlermeldung ab; ein regelwidriges Zeichen kann gar nicht entstehen.
Interessanter ist allerdings, was die Prüfung nicht leisten kann. Acht Piktogramm-Fassungen waren vollständig regelkonform und wurden trotzdem verworfen, weil sie in der Sichtprüfung falsch gelesen wurden: Das erste Taxi las sich als Koffer, das erste Gleis als Rautezeichen, der erste Rollstuhl als „Figur plus Null“. Bei der ersten Rolltreppe lief eine winzige Innenfläche bei kleiner Darstellung zu einem Klecks zu (Abb. 6). Die Regeln sichern also die formale Einheit des Systems, aber nicht seine Verständlichkeit. Diese Beobachtung wird in Kapitel 6 aufgegriffen.
Die Systemtafel fasst das Regelwerk auf einer Seite zusammen: Primitive, Raster, Ableitungsbaum, Richtungscodierung, Modulaufbau, Farben und Kontrastwerte, Typografie, Beispielschilder und verworfene Varianten (Abb. 7). Damit übernimmt sie eine ähnliche Rolle wie das Haerye für Hangul, weil sie die Regeln des Systems offenlegt.
Die Leitfrage war, ob sich die Konstruktionsprinzipien des Hangul auf ein deutsches Orientierungssystem übertragen lassen und was dabei gewonnen oder verloren wird. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht.
Gewonnen hat das System vor allem an innerer Konsistenz. Die Beschränkung auf drei Primitive erzeugt eine formale Einheit, die sonst nur durch sorgfältige Einzelkorrektur erreicht wird. Das Ableitungsprinzip macht Verwandtschaft sichtbar: Wer das Zeichen für die Treppe kennt, kann das für die Rolltreppe erschließen. Und das System ist generativ. Neue Zeichen entstehen aus Regeln, nicht aus neuen Entwürfen. Das ist für ein Leitsystem, das über Jahre wachsen und von wechselnden Beteiligten gepflegt werden muss, ein praktischer Vorteil. Die Erfahrung der BVG zeigt, wie wichtig ein belastbares Regelwerk für ein Nahverkehrssystem ist (BVG, 2024).
Schwierig wird es dort, wo die Hangul-Logik auf eingeübte Konventionen trifft. Am deutlichsten zeigt sich das bei der Richtungscodierung. Der Punkt am Grundstrich ist systematisch elegant, muss aber erst gelernt werden, während der Pfeil ohne Vorwissen verstanden wird. Im Leitsystem zählt jedoch gerade der erste Blick einer ortsfremden Person unter Zeitdruck (vgl. Mollerup, 2005). Die Arbeit am Generator hat dabei ein differenziertes Bild ergeben: Im schmalen Richtungsfeld des Schildmoduls füllen Strich und Punkt die schmal-hohe Vokalform gut aus, während der Pfeil auf 12 E Breite schrumpft und klein wirkt. Im Aufzug-Piktogramm ist es umgekehrt, dort lesen sich die beiden kurzen Marken in der Kabine eher wie Dominopunkte als wie Richtungen. Ob sich die Punkt-Codierung nach einer Gewöhnungsphase in schnellere Erfassung übersetzt, lässt sich im Rahmen dieser Arbeit nicht empirisch klären. Der Generator hält deshalb beide Varianten bereit (vgl. Abb. 4); die Standardeinstellung für eine reale Anwendung wäre der Pfeil. Hangul hat 1446 eine neue Konvention gesetzt, die sich erst über einen langen Zeitraum durchgesetzt hat. Ein Leitsystem muss dagegen sofort verstanden werden.
Wie stark Konventionen wirken, zeigen drei weitere Entscheidungen des Projekts. Die Anordnung der Richtung „links“ wurde gegen die Hangul-Regel geändert, weil der Blick sonst erst über das Piktogramm hätte wandern müssen. S-Bahn und U-Bahn behalten ihre etablierten Signets, statt ein Piktogramm aus dem System zu erhalten. Und Sicherheits- und S-Bahn-Grün bleiben knapp unter dem Kontrast-Entwurfsziel, weil ihre Wiedererkennung wichtiger ist. In allen drei Fällen hat das Kriterium Lesbarkeit aus Abschnitt 4.2 die Systematik überstimmt. Ich halte es für eine Stärke der Methode, dass sie solche Konflikte offenlegt und jede Abweichung begründet.
Eine weitere Einsicht betrifft das Verhältnis von Regel und Wahrnehmung. Acht Piktogramme waren vollständig regelkonform und wurden dennoch verworfen, weil sie missverständlich waren (vgl. Abschnitt 5.7). Ein Regelwerk nach dem Vorbild des Hangul garantiert also formale Konsistenz, aber keine Verständlichkeit. Auch Hangul ist erst durch Jahrhunderte des Gebrauchs zu einer selbstverständlich lesbaren Schrift geworden.
Eine zweite Grenze setzen die Normen. Sicherheitszeichen nach DIN EN ISO 7010 sind der Gestaltung entzogen, und das zu Recht. Im Notfall zählt Wiedererkennung, nicht Systemschönheit. Das Projekt zeigt die Hangul-Variante des Notausgangs deshalb nur als Experiment neben einem Nachbau der Normform (vgl. Abb. 5).
Schließlich bleibt eine methodische Einschränkung festzuhalten. Die Analogien in Tabelle 2 sind gestalterische, keine historischen oder linguistischen Behauptungen. Dass die Vokal-Grundzeichen im Haerye kosmologisch begründet werden, macht sie nicht automatisch zu einem geeigneten Modell für Richtungspfeile. Die Übertragung ist eine Interpretation, deren Wert sich an ihrem Ergebnis messen lassen muss, nicht an ihrer Herkunft.
Daraus ergibt sich eine differenzierte Antwort: Übertragbar sind vor allem die strukturellen Prinzipien des Hangul, also wenige Primitive, sichtbare Ableitung und modulare Blöcke. Schwer übertragbar sind die konventionellen Aspekte, bei denen eine Form nur funktioniert, weil sie gelernt wurde.
Hangul gehört zu den wenigen Schriften, deren Konstruktion dokumentiert ist, und eignet sich deshalb gut als Vorbild für systematisches Gestalten. Die vorliegende Arbeit hat versucht, dieses Lehrstück auf ein deutsches Orientierungssystem anzuwenden. Übertragen wurden dafür die Regeln, nicht die Formen: drei Primitive, Unterscheidung durch Position, Ableitung durch Zusatzelement und der Silbenblock als Modul. Umgesetzt wurde das Regelwerk in einem Generator, der es ausführbar und automatisch prüfbar macht.
Das Ergebnis zeigt, dass Hangul als Methode trägt, wo es um Konsistenz, Erweiterbarkeit und die Sichtbarkeit von Beziehungen zwischen Zeichen geht. Es stößt an Grenzen, wo gelernte Konventionen und Normen stärker sind als systematische Eleganz. Für mich war diese Grenze das interessanteste Ergebnis. Gutes Orientierungsdesign muss zwischen einem neuen System und dem, was Menschen schon gelernt haben, vermitteln.
Für die Weiterentwicklung liegt ein Nutzertest nahe, der die Lesbarkeit der Punkt-Codierung empirisch prüft, ebenso eine zweisprachige Variante, die Hangul und Latein in einem gemeinsamen Modul verbindet. In Seoul ließe sich damit genau das untersuchen, was die Gestalter von Seoul Alrim typografisch gelöst haben: wie zwei Schriftsysteme nebeneinander bestehen, ohne dass eines das andere dominiert.
1. Diese Arbeit ist mit Unterstützung von KI-Werkzeugen entstanden. Recherche, Gliederung und Textentwürfe wurden mit dem Sprachmodell Claude (Anthropic, 2026a) erarbeitet, der Generator wurde mit Claude Code umgesetzt (vgl. Abschnitt 5.1). Konzept, gestalterische Entscheidungen und Auswahl stammen vom Verfasser, der die Texte geprüft und überarbeitet hat und für den Inhalt verantwortlich ist. ↩
Aicher, O. & Krampen, M. (1977). Zeichensysteme der visuellen Kommunikation: Handbuch für Designer, Architekten, Planer, Organisatoren. Stuttgart: Koch.
Anthropic. (2026a). Claude (Opus 5.5) [Großes Sprachmodell]. San Francisco: Anthropic.
Anthropic. (2026b). Claude Code [Software]. San Francisco: Anthropic.
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Das folgende Regelwerk dokumentiert den Stand des Generators vom 24.09.2026. Alle Zahlenwerte stammen aus der zentralen Konfigurationsdatei des Programms.
Der Hangul-Leitsystem-Generator baut Piktogramme, Richtungsmarken, Schildmodule und Wegweiserbänder nach einem festen Regelwerk. Grundlage sind die drei Grundzeichen der Hangul-Vokale: Punkt (ㆍ, Himmel), Waagerechte (ㅡ, Erde) und Senkrechte (ㅣ, Mensch). Alle übrigen Formen (Rahmen, Schräge, Linienzug, Ring) sind Kompositionen aus diesen drei Elementen. Es gibt keine weiteren Primitive. Jedes abgeleitete Piktogramm folgt demselben Prinzip wie ein Hangul-Konsonant mit Zusatzstrich (가획, gahoek, z. B. ㄱ → ㅋ): eine Grundform plus ein benanntes Zusatzelement. Ein Teil des Regelwerks wird automatisch geprüft: Raster, Schutzzone, Mindestabstand, Konstruktion. Ein anderer Teil bleibt der Sichtprüfung vorbehalten, zum Beispiel ob eine kleine Fläche optisch zuläuft oder eine Form eindeutig lesbar bleibt. Das wird an den jeweiligen Stellen so benannt. Richtung, Schildaufbau und Wegweiserband übertragen dieselbe Logik auf die Silbenebene: Richtungscodierung über Vokalzeichen, der quadratische Silbenblock als Vorbild für das Schildmodul, das Wegweiserband als Analogie zum Wort aus mehreren Silben. Die Systemtafel zeigt alle Bausteine dieses Regelwerks in einer Ansicht (Gesamtübersicht des Systems, siehe Abb. 7). Farbwerte, Kontrastformel und ein Teil der Normbezüge stammen aus Sekundärquellen. Sie sind als unverifiziert gekennzeichnet, nicht als geprüfte Fakten.
Alle Zahlenwerte in diesem Anhang stammen aus der Datei js/config.js, dem „Regelwerk an einem Ort“ des Generators (Stand 24.09.2026). Steht ein Wert an anderer Stelle im Programm, etwa in einer einzelnen Piktogramm-Definition, ist das im jeweiligen Abschnitt vermerkt.
Alle Maße werden in Einheiten (E) des quadratischen Piktogrammfelds angegeben. Die Feldkante misst 24 E. Jedes Piktogramm entsteht auf diesem Grundraster. Es ist die gemeinsame Bezugsfläche für alle Piktogramme.
| Nr. | Regel | Hangul-Entsprechung |
|---|---|---|
| R1 | Piktogrammfeld: 24 × 24 E, gemeinsame Bezugsfläche aller Piktogramme | – |
| R2 | Strichstärke S = 2 E für alle Linien und Konturen im System | – |
| R3 | Punkt: Durchmesser 4 E = 2·S, gefüllter Kreis | ㆍ (Himmel) |
| R4 | Einzige erlaubte Rundung: Radius r = S (2 E), z. B. an Rahmenecken | – |
| R5 | Punkt als Ring (Kontur statt Fläche): nur Radius 4, 6 oder 8 E zulässig | – |
| R6 | Winkel ausschließlich 0°, 90° oder 45° | 45° ist eine gedrehte Waagerechte, vgl. ㅅ (zwei sich treffende Schrägstriche) |
| R7 | Linienenden und -verbindungen immer rund, nie eckig oder spitz | – |
| R8 | Jede Konstruktionskoordinate ein Vielfaches von 0,5 E (Koordinatenraster) | – |
| R9 | Schutzzone: Mittelpunkte 3…21 E, Tinte dadurch bis 2…22 E | vgl. das gleichmäßige Setzen eines Hangul-Silbenblocks in ein festes Quadrat |
| R10 | Mindestabstand: Elemente sind verbunden (Toleranz 0,1 E) oder halten ≥ 2 E Abstand, keine Zwischenstufe | Striche sind in einem Hangul-Zeichen entweder klar verbunden oder klar getrennt, nie „fast“ verbunden |
| R11 | Punzen (kleine, von Strichen eingeschlossene Flächen) dürfen nicht optisch zulaufen | – (nicht automatisch geprüft, siehe Abschnitt 3) |
Die Toleranz von 0,1 E in R10 ist ein reiner Konstruktionswert. Bogenformen wie Rahmenecken werden über Stichproben statt exakt berechnet. Deshalb liegt eine beabsichtigte Berührung fast nie exakt bei 0 E. Bei einer Strichstärke von S = 2 E ist ein Abstand von 0,1 E visuell nicht von einer echten Berührung zu unterscheiden. Diese Toleranz ist nicht die gleiche wie der 0,1-Toleranzzuschlag beim Kontrast-Entwurfsziel in Abschnitt 9. Beide Werte sind zufällig gleich groß, fachlich sind sie unabhängig voneinander.
| Maß | Wert | Bezug |
|---|---|---|
| Piktogrammfeld | 24 × 24 E | Grundraster |
| Strichstärke S | 2 E | Basiseinheit |
| Punktdurchmesser | 4 E (= 2·S) | Punkt, gefüllt |
| Ringradien | 4 / 6 / 8 E | Punkt, als Kontur |
| Eckenradius | 2 E (= S) | einzige erlaubte Rundung |
| Winkel | 0° / 90° / 45° | – |
| Mindestabstand | 2 E | nicht verbundene Elemente |
| Verbunden-Toleranz | 0,1 E | Bogen-/Ringkonstruktion |
| Schutzzone (Mittelpunkte) | 3…21 E | pro Achse |
| Tintenzone | 2…22 E | Schutzzone ± halbe Strichstärke |
| Koordinatenraster | Vielfache von 0,5 E | alle Konstruktionskoordinaten |
Das System kennt genau drei eigenständige Grundformen, die „Primitive“. Aus ihnen setzt sich jedes Piktogramm zusammen.
Der Generator kennt vier weitere Formen. Sie sind Kompositionen aus den drei Grundformen, keine eigenen Primitive:
| Nr. | Regel | Hangul-Entsprechung |
|---|---|---|
| R12 | Nur drei eigenständige Primitive: Punkt, Waagerechte, Senkrechte | ㆍ / ㅡ / ㅣ, die drei Grundzeichen der Hangul-Vokale |
| R13 | Schräge, Rahmen, Linienzug und Ring sind Kompositionen, keine weiteren Primitive | – |
Es gibt keine vierte, fünfte oder sechste Grundform. Das hält die Formensprache des Systems einfach. Jedes Piktogramm lässt sich auf dieselben drei Bausteine zurückführen.
Der Generator prüft jedes Piktogramm automatisch gegen vier Regeln:
| Nr. | Regel | Was geprüft wird |
|---|---|---|
| R14 | Raster | Jede Koordinate muss ein Vielfaches von 0,5 E sein (R8). |
| R15 | Schutzzone | Die sichtbare Tinte jedes Elements muss innerhalb der Tintenzone bleiben (R9). |
| R16 | Mindestabstand | Zwei Elemente sind verbunden (≤ 0,1 E) oder halten ≥ 2 E Abstand (R10). Jeder Zwischenwert wird gemeldet. |
| R17 | Konstruktion | Jeder Aufruf muss ein gültiges Primitiv mit gültigen Parametern sein, zum Beispiel einen erlaubten Ringradius nach R5 oder einen gültigen Winkel nach R6. Ungültige Aufrufe gelten als Konstruktionsfehler. |
Diese vier Regeln gelten unabhängig voneinander. Sie werden bei jedem registrierten Piktogramm automatisch geprüft, auch bei dessen Pfeil-Vergleichsvariante (siehe Abschnitt 5).
Ein Beispiel für einen Konstruktionsfehler (R17): ein Ring mit Radius 5 E statt 4, 6 oder 8 E (siehe R5). Ein weiteres Beispiel: ein Linienzug-Segment mit einem Winkel von 30° statt 0°, 90° oder 45° (siehe R6). In beiden Fällen bricht die Konstruktion mit einer Fehlermeldung ab. Es entsteht kein regelwidriges Piktogramm.
Was nicht automatisch geprüft wird. Zwei Fälle bleiben der Sichtprüfung vorbehalten:
Jedes nicht-grundlegende Piktogramm ist eine Ableitung: eine Grundform plus ein benanntes Zusatzelement. Der Begriff Zusatzelement bezeichnet nur die generatorseitige Konstruktion, zum Beispiel „+ Bewegungsstrich (Handlauf, 45°)“. Die Hangul-Analogie dazu heißt Zusatzstrich (가획, gahoek). Das ist das Prinzip im Hangul-Konsonantensystem, bei dem ein zusätzlicher Strich aus einer Grundform eine verwandte, „verstärkte“ Form macht, zum Beispiel ㄱ → ㅋ oder ㄴ → ㄷ → ㅌ. Eine Jamo-Anpassung ist keine Ableitung. Sie ändert nur Proportion oder Position, Elemente und Topologie der Grundform bleiben gleich. Ein Beispiel: ㄱ unterscheidet sich in 가 und in 고 nur in den Proportionen, nicht in der Form.
| Nr. | Regel | Hangul-Entsprechung |
|---|---|---|
| R18 | Eine Ableitung besteht aus genau einer Grundform plus einem benannten Zusatzelement. Das Zusatzelement kann aus mehreren Strichen bestehen (z. B. „drei radiale Striche“), es bildet aber eine Bedeutungseinheit | Zusatzstrich/가획 (gahoek), z. B. ㄱ → ㅋ |
| R19 | Jamo-Anpassung: Proportions-/Positionsänderung, Elemente und Topologie bleiben erhalten | ㄱ sieht in 가 und 고 unterschiedlich proportioniert aus, bleibt aber dieselbe Form |
| R20 | Der Bewegungsstrich (45°, siehe Tabelle unten) ist systemweit ein einziges Zusatzelement mit einer festen Bedeutung (Bewegung/Eile) | – |
Eine Familie ordnet ein Piktogramm inhaltlich ein (Bewegungsart, Verkehrsträger, Person, Weg, Service) und ist unabhängig von der Kategorie (reine Farbgebung, siehe Abschnitt 9). Eine Familie kann mehr als eine Wurzel im Ableitungsbaum haben, wenn sich zwei Grundformen nicht sinnvoll auseinander ableiten lassen.
Familien und Ableitungen (Reihenfolge wie im Programm, nur Grundformen und aktive oder experimentelle Ableitungen, ohne verworfene Vorstufen):
| Familie | Grundform(en) | Ableitung mit Zusatzelement | Hangul-Bezug | Hinweis |
|---|---|---|---|---|
| Vertikale Bewegung | Treppe | Treppe → Rolltreppe (+ Bewegungsstrich/Handlauf, 45°) | ㄱ → ㅋ | Aufzug ist eine zweite, eigene Wurzel (Kabine + ㅗ/ㅜ). Aus der Rolltreppe ist er nicht sinnvoll ableitbar, weil Stufen in einer geschlossenen Kabine widersprüchlich wären |
| Schienenverkehr | Zug, Gleis | Zug → Straßenbahn (+ Stromabnehmer und Oberleitung) | – | Straßenbahn ist per Jamo-Anpassung gestaucht (Rumpf 14 statt 18 E). Gleis (ㅡㅡ + ㅣㅣㅣㅣ) ist eine zweite, eigene Wurzel |
| Straßenverkehr | Bus | Bus → Taxi (+ Dachschild) | – | Diese Ableitung ist schwächer als sonst im System. Die Pkw-Kabine ersetzt das Fensterband vollständig, nicht nur seine Proportionen |
| Weg | Ausgang | Ausgang → Notausgang (experiment; + Bewegungsstrich, 45°) | ㄱ → ㅋ, Zusatzstrich als Verstärkung (Aspiration) | Notausgang ist ein gestalterisches Experiment, keine Normform (siehe Abschnitt 11) |
| Service | Info | Info → Treffpunkt (+ drei radiale Striche). Info → Fahrkarten (+ Ticketform mit Abrisskante) | Info: ㆍ + ㅣ. Das internationale „i“ ist bereits genau diese Kombination | Beide Ableitungen zusätzlich per Jamo-Anpassung angepasst (Treffpunkt: Punkt in die Mitte verschoben; Fahrkarten: „i“ verkleinert) |
| Person | Figur | Figur → WC (+ zweite Figur und Trennstrich). Figur → Barrierefrei (+ Ring als Rad, Figur sitzend) | Figur: ㆍ (Kopf/Himmel) über ㅣ (Rumpf/Mensch) + ㅅ-Beine | WC per Jamo-Anpassung verkleinert (kürzerer Rumpf, engere Beinspreizung) |
Bewegungsstrich. Der 45°-Schrägstrich ergibt bei Treppe → Rolltreppe den Handlauf. Im System ist er ein einziges Zusatzelement mit einer festen Bedeutung: Bewegung, beziehungsweise Eile. Er kommt an zwei Stellen vor, bei Treppe → Rolltreppe und bei Ausgang → Notausgang. Er funktioniert wie ein Hangul-Zusatzstrich: einmal definiert, mehrfach eingesetzt.
Richtung wird über die Position eines Punktes relativ zu einem Grundstrich codiert. Das folgt den Hangul-Vokalzeichen ㅏㅓㅗㅜ. Der klassische Pfeil dient als Vergleichsvariante. Er besteht ebenfalls nur aus den drei Primitiven, in denselben Feldmaßen wie die Punkt-Variante.
| Richtung | Vokalzeichen | Punktposition |
|---|---|---|
| rechts | ㅏ | Punkt rechts vom senkrechten Grundstrich |
| links | ㅓ | Punkt links vom senkrechten Grundstrich |
| oben / geradeaus | ㅗ | Punkt oberhalb des waagerechten Grundstrichs |
| unten | ㅜ | Punkt unterhalb des waagerechten Grundstrichs |
Deutsche Eselsbrücke: ㅗ wird „o“ gesprochen (oben), ㅜ wird „u“ gesprochen (unten). Aussprache und Bedeutung passen so zusammen.
| Nr. | Regel | Hangul-Entsprechung |
|---|---|---|
| R21 | Richtung = Position eines Punktes relativ zum Grundstrich | ㅏ/ㅓ/ㅗ/ㅜ |
| R22 | Klassischer Pfeil als Vergleichsvariante, in identischen Feldmaßen | – |
| R23 | Richtungsfeld senkrecht (rechts/links): 12 × 24 E. Richtungsfeld waagerecht (oben/unten): 24 × 12 E | ㅏ/ㅓ sind schmal-hohe Vokalzeichen, ㅗ/ㅜ sind breit-flache Vokalzeichen |
Der Aufzug trägt die Richtungscodierung ㅗ/ㅜ direkt im Piktogramm, als Punkt oberhalb oder unterhalb eines kurzen Strichs in der Kabine. Auch dafür gibt es eine klassische Pfeil-Variante als Vergleich.
Ein Schildmodul hat bis zu vier Slots: Piktogramm, Richtung, Ziel und Zusatz. Ziel ist ein Textfeld, Zusatz ist optional. Piktogramm und Richtungsfeld bilden zusammen den Silbenblock. Das folgt der Hangul-Silbe: Sie füllt immer denselben quadratischen Block, unabhängig von der Zahl ihrer Jamo (2 bis 4).
| Nr. | Regel | Hangul-Entsprechung |
|---|---|---|
| R24 | Der Silbenblock ist immer 36 × 36 E groß, unabhängig davon, ob eine Richtung angezeigt wird | jede Hangul-Silbe füllt denselben quadratischen Block, unabhängig von ihrer Jamo-Zahl |
| R25 | Anordnung: Die Richtung steht auf der Seite, in die sie zeigt. Rechts (ㅏ) → Richtungsfeld rechts neben dem Piktogramm. Links (ㅓ) → Richtungsfeld links vom Piktogramm. Oben und unten (ㅗ/ㅜ) → Richtungsfeld unter dem Piktogramm | 가 (senkrechter Vokal rechts daneben); 고/구 (waagerechter Vokal darunter). Für links weicht das System von 거 ab |
| R26 | Ziel-Textfeld beginnt bei x = 42 E (Silbenblock 36 E + Abstand 6 E) und wächst in Schritten von 12 E | – |
| R27 | Zusatz-Slot: mindestens 36 E breit, in Schritten von 12 E (z. B. für Gleis-, Linien- oder Textangaben) | – |
Die gesamte Höhe des Schildmoduls beträgt 36 E, das ist die Höhe des Silbenblocks. Ziel-Slot und Zusatz-Slot übernehmen dieselbe Höhe.
Zur Anordnungsregel. Die Richtung steht auf der Seite, in die sie zeigt. Für rechts, oben und unten deckt sich das mit der Hangul-Blockregel: Das Feld für rechts steht rechts neben dem Piktogramm wie der Vokal in 가, die Felder für oben und unten stehen darunter wie in 고 und 구. Für links weicht das System ab. Nach der Hangul-Regel stünde auch ㅓ rechts neben dem Piktogramm, wie in 거. Dann müsste der Blick erst über das Piktogramm, bevor er die Richtung erreicht. Nach der Methode dieser Arbeit (Abschnitt 4.2) hat Lesbarkeit Vorrang, deshalb steht „links“ links vom Piktogramm.
Ein Wegweiserband reiht mehrere Schildmodule zu einer Zeile, so wie sich mehrere Silbenblöcke zu einem Wort reihen. Ein einzelnes Schild ist der Sonderfall eines Bandes mit genau einem Modul.
| Nr. | Regel | Hangul-Entsprechung |
|---|---|---|
| R28 | Reihenfolge der Module: links → oben → unten → rechts → ohne Richtung | – |
| R29 | Innenrand des Bandes 6 E. Abstand zwischen zwei Modulen 12 E | – |
| R30 | Direkt benachbarte Module derselben Kategorie bilden eine Gruppe. Ist das die Kategorie des Bandes, liegt die Gruppe auf der Bandfarbe, sonst auf einer eigenen farbigen Fläche. Innerhalb einer Gruppe trennt ein Trennstrich die Module (2 E, Vordergrundfarbe, 36 E hoch). Zwischen zwei Gruppen steht nur der Abstand von 12 E | Silben eines Wortes stehen dicht beieinander, Wörter sind voneinander getrennt |
S-Bahn und U-Bahn erhalten im Generator kein eigenes Piktogramm. Im Zusatz-Slot eines Schildmoduls steht stattdessen ein Signet: ein Kreis mit „S“ für die S-Bahn, ein Quadrat mit „U“ für die U-Bahn, dazu die Liniennummer als Text.
| Nr. | Regel | Hangul-Entsprechung |
|---|---|---|
| R31 | S-Bahn/U-Bahn: kein eigenes Piktogramm, Signet + Liniennummer als Text im Zusatz-Slot | – |
Diese Entscheidung stellt die etablierte Signet-Konvention des Nahverkehrs über die Systematik des Generators.
Eine Kategorie bestimmt nur die Farbgebung eines Schildmoduls: Grund- und Vordergrundfarbe. Sie ist unabhängig von der Familie aus Abschnitt 4, die ein Piktogramm inhaltlich einordnet. Ein Piktogramm der Familie Schienenverkehr kann je nach Kontext zum Beispiel in der Kategorie Verkehr erscheinen.
| Nr. | Regel |
|---|---|
| R32 | Auf Schildern sind nur die im Folgenden gelisteten Kategorie- und Linienfarben zulässig (ausgenommen sind Hilfsfarben der Konstruktionsansichten wie Raster- und Slot-Markierungen) |
| Kategorie | Grund | Vorder |
|---|---|---|
| Verkehr | #13306B | #FFFFFF |
| Wege | #262626 | #FFFFFF |
| Service | #FFFFFF | #262626 |
| Sicherheit | #237F52 | #FFFFFF |
| Linie | Zeichen | Form | Grund | Vorder |
|---|---|---|---|---|
| S-Bahn | S | Kreis | #008553 | #FFFFFF |
| U-Bahn | U | Quadrat | #005A8C | #FFFFFF |
Die Farbwerte von Sicherheitsgrün sowie der S-/U-Bahn-Signete sind Näherungen an vermutete RAL-/Verkehrsfarbwerte aus Sekundärquellen und selbst unverifiziert.
Der Generator bewertet jede Grund-/Vordergrund-Kombination rechnerisch über den Michelson-Kontrast: K = (L_hell − L_dunkel) / (L_hell + L_dunkel). L ist die relative Leuchtdichte nach sRGB. Das ist eine rechnerische Näherung. DIN 32975 bezieht sich auf gemessene Leuchtdichten realer, gefertigter Oberflächen, nicht auf sRGB-Werte aus einer Bilddatei.
| Nr. | Regel |
|---|---|
| R33 | Kontrastbewertung ausschließlich über den rechnerischen Michelson-Kontrast aus sRGB-Werten (Näherung, keine Messung realer Oberflächen) |
| R34 | Schwellenwerte und Entwurfsziel sind eine Arbeitsannahme nach Sekundärquellen (nullbarriere.de), nicht am Normtext DIN 32975:2009-12 selbst verifiziert |
Die im Generator hinterlegten Schwellenwerte sind eine unverifizierte Arbeitsannahme, keine geprüfte Norm-Aussage. Sie lauten: K ≥ 0,7 für Schrift- und Bildzeichen sowie Warn- und Entscheidungsinformation, K ≥ 0,4 für Leit- und Orientierungsinformation ohne Schrift, ein Hellbezugswert (Reflexionsgrad der helleren Fläche) ≥ 0,5, und ein Entwurfsziel von K ≥ 0,8 (0,7 plus 0,1 Toleranzzuschlag für Messungenauigkeit). Alle im System verwendeten Farbpaare erfüllen den Hellbezugswert ≥ 0,5.
| Kombination | Grund | Vorder | K (Michelson) | ≥ 0,7? | Entwurfsziel 0,8? |
|---|---|---|---|---|---|
| Kategorie Verkehr | #13306B | #FFFFFF | 0,94 | ja | ja |
| Kategorie Wege | #262626 | #FFFFFF | 0,96 | ja | ja |
| Kategorie Service | #FFFFFF | #262626 | 0,96 | ja | ja |
| Kategorie Sicherheit | #237F52 | #FFFFFF | 0,72 | ja | nein |
| Linienzeichen S-Bahn | #008553 | #FFFFFF | 0,704 | ja | nein |
| Linienzeichen U-Bahn | #005A8C | #FFFFFF | 0,83 | ja | ja |
(K für S-Bahn mit drei Nachkommastellen, weil der Wert knapp über der 0,7-Schwelle liegt. Die erste Näherung #008754 lag mit 0,695 knapp darunter.)
Zur Einordnung berechnet der Generator zusätzlich das klassische WCAG-Kontrastverhältnis derselben Farbpaare: 12,63 : 1 bis 15,13 : 1 bei Verkehr, Wege und Service, 4,97 : 1 bei Sicherheit, 4,69 : 1 bei S-Bahn, 7,39 : 1 bei U-Bahn. Dieser Wert dient nur als Vergleichsgröße. Bewertet wird nach Michelson (R33).
Ein Zielkonflikt bleibt dokumentiert. Sicherheitsgrün erreicht mit K ≈ 0,72 die 0,7-Schwelle für Schrift- und Bildzeichen, das Entwurfsziel 0,8 erreicht es nicht. Dafür wäre #1D6A45 nötig, ein sichtbar dunkleres Grün. Es wird nicht übernommen, weil die Wiedererkennung des Sicherheitsgrüns Vorrang hat. Beim S-Bahn-Signet reichte eine Abdunklung um zwei RGB-Stufen (#008754 zu #008553, optisch nicht unterscheidbar). Damit erreicht K die 0,7-Schwelle (0,704). Das Signet trägt einen Buchstaben, deshalb gilt diese Schwelle und nicht die niedrigere 0,4-Schwelle für Leitsysteme ohne Schrift. Das Entwurfsziel 0,8 würde erst #006B43 erreichen. Auch hier hat die Wiedererkennung Vorrang.
Die Schrift des Systems ist Barlow (SIL Open Font License 1.1), lokal als Base64-Daten eingebettet. Der Generator läuft dadurch vollständig offline direkt aus dem Dateisystem, ohne Google-Fonts-Verweis und ohne Font-Download zur Laufzeit.
| Nr. | Regel |
|---|---|
| R35 | Ziel-Text: Schriftschnitt 600 (Semibold), Versalhöhe 12 E. Zusatz-Text: Schriftschnitt 700 (Bold), Versalhöhe 14 E |
Die aus der eingebetteten Schriftdatei gemessene Versalhöhe beträgt 0,700 em. Das deckt sich mit dem zuvor angenommenen Platzhalterwert. Hangul-Schriftzeichen in den Abbildungen dieser Arbeit sind in der Systemschrift des jeweiligen Programms gesetzt, nicht in Barlow. Barlow enthält keine Hangul-Glyphen.
Das Notausgang-Piktogramm der Familie Weg ist ein gestalterisches Experiment, kein Normzeichen. Sicherheitszeichen wie der Notausgang sind nach DIN EN ISO 7010 als E001 (links) und E002 (rechts) genormt. Der Generator zeigt daneben zusätzlich einen vereinfachten Nachbau dieser Normform zum Vergleich.
| Nr. | Regel |
|---|---|
| R36 | Notausgang nach dem Ableitungsprinzip des Generators ist ein gestalterisches Experiment. In der realen Anwendung darf nur das Originalzeichen nach DIN EN ISO 7010 verwendet werden |
Der Nachbau der Normform liegt außerhalb des sonstigen Primitiv-Regelwerks: freie Formen statt Punkt, Waagerechte, Senkrechte. Er soll die genormte Form nachbilden, nicht in die Systemlogik des Generators übersetzt werden.
Die folgenden Einschränkungen sind bekannt: